Wie ich meine große Liebe entdeckte...

... Johann fragte: "Wie macht sich das neue Dienstmädchen?"
Frau Kunkel erhob sich. "Sie wird bei uns nicht alt werden. Warum heißt die Person eigentlich Isolde?
"Die Mutter war eine glühende Verehrerin von Richard Wagner", berichtete Johann.
"Was?" rief die Hausdame. "Unehelich ist diese Isolde auch noch?"
"Keine Spur. Die Mutter war verheiratet."
"Mit Richard Wagner?"
"Aber nein."
"Warum wollte er denn, daß das Kind Isolde heißen sollte? Was ging ihn das an?"
"Richard Wagner hatte doch keine Ahnung von der Geschichte. Fräulein Isoldes Mutter wollte es."
"Und der Vater wußte davon?"
"Selbstverständlich. Er liebte Wagner auch."
Frau Kunkel ballte die gepolsterten Hände. "Ich lasse mir allerlei gefallen", sagte sie dumpf. "Aber das geht zu weit!"

aus: Drei Männer im Schnee - Erich Kästner





Nein, solche Wirren ranken sich nicht um dieses Kapitel meines Lebens.


Trotzdem lag der Weg und alles, was daraus entstehen sollte, weitab jeglicher Normalität (sagte ich schon, daß ich ein Exzentriker bin???)...


Sicherlich wurde mir eine gehörige Portion Musikalität in die Wiege gelegt (meine Großmutter war ebenfalls leidenschaftliche Wagnerianerin - trotzdem entschied man sich gottlob bei meiner Namensgebung nicht für Siegfried, auch bleib mir das Bad im Blute des getöteten Drachens erspart).

Nun könnte man vermuten, daß, wie bei solchen Konstellationen haufig üblich, über das Erlernen eines Instrumentes im frühesten Kindesalter jene Wurzeln sprossen, die mich heute unzertrennbar mit Kontrapunkt, Allegro vivace und Konzertsaal verbinden. Nur hatte ich leider das Bestreben, schon als kleiner Knirps meinen eigenen Kopf zu haben und diesen auch durchzusetzen.

Also wurde nichts aus musikalischer Früherziehung und Notenstudium, dieses wäre ja schließlich mit Fleiß verbunden gewesen...

Man ließ mich gewähren...


Dann geschah etwas, das mein Leben in seinem weiteren Verlauf stark beeinflußte.
Mit dem Gymnasium kam der erste schulische Musikunterricht - und mit ihm der Kontakt zu meinem damaligen Lehrer Georg Bischof, dem ehemaligen Dirigenten des Collegium musicum Jülich.
Eines Tages stand die Besetzung des großen symphonischen Orchesters auf dem Lehrplan - als Beispiel wurde die 5. Symphonie von Ludwig van Beethoven herangezogen. Dieses Meisterwerk der Romantik war für mich der Schlüssel, welches es bedurfte, um mir die Pforten dieses Universums zu öffnen.

Ich verliebte mich unsterblich in diese mitreisende Dynamik und Impulsivität.


Und wieder war es meine Großmama (wie überhaupt diese Frau mit ihrem Weitblick die entscheidenden Weichen in meinem Leben stellte), die den ersten weiterführenden Schritt unternahm. Eines Tages überreichte sie mir eine Gesamteinspielung der Symphonien Beethovens, seinerzeit noch in analoger Form auf guter alter Vinyl-LP.

Fortan fraß ich mich durch die Aufnahmen, hörte Stunde um Stunde immer wieder den gleichen Satz, die gleiche Kadenz; oftmals mit meiner Großmama an meiner Seite. Somit stand mir ihr ganzes Wissen zur Verfügung, daß ich mit allen Fasern meines Geistes aufsaugte, freilich ohne zu bemerken, daß ich damit genau das tat, was sie sich erhofft hatte. Heute bin ich ihr mehr als dankbar.

Natürlich blieb es nicht aus, daß ich stets nach Neuem, Ungehörten suchte. So folgte auf Beethovens Symphonien eine Einspielung der Brandenburgischen Konzerte Johann Sebastian Bachs.






J.S. Bach
(1685 - 1750)



Und da wußte ich - das ist "meine Musik"...


Im Laufe der Zeit steigerte sich mein musikalisches Interessengebiet ins Uferlose (ja, auch ich bin mittlerweile Wagnerianer; meiner Großmama sei Dank...), sehr zum Leidwesen meines Kontostandes...


Stundenlang bin ich auf Orgelbühnen anzutreffen, treibe die Organisten an den Rand des Wahnsinns, ein Besuch in einem Plattenladen an meiner Seite artet zur Geduldsprobe für meine Begleitung aus (nicht wahr...???), kein High-Ender ist vor mir sicher, das Internet wird zur Fundgrube für aktuelle Konzert- und Spielpläne...


Mittlerweile kann ich mir ein Leben ohne Musik nicht mehr vorstellen, sie wurde ein Teil meiner selbst.
Eines Tages kam auch jener Schritt, gegen den ich mich in früheren Zeiten so sehr gesträubt hatte: ein Klavier wurde angeschafft, wobei ich zu meiner Schande gestehen muß, daß mir leider oftmals die Zeit fehlt, mich durch die "Schule der Geläufigkeit" und andere "Fingerübungen" zu kämpfen...


Ach, falls man mich einmal antreffen sollte, wenn ich wild dirigierend durch den Wald spaziere... keine Angst, das ist normal und nicht ansteckend....



Nur:
bitte vor Ansprechen den Discman ausschalten,
sonst wird das nichts ;-) ...





Ausschnitt aus dem Autographen
der Messe in h BWV 232